Die Herausgeber der Jahrbücher „Religionsfreiheit 2026“ und „Verfolgung und Diskriminierung von Christen 2026“ ziehen eine düstere Bilanz
(Bonn/Berlin, 03.11.2026) Soeben wurden in einer Pressekonferenz in Berlin die jährlich erscheinenden Jahrbücher zur Situation der Religionsfreiheit und zur Verfolgung und Diskriminierung von Christen weltweit vorgestellt. Die Frage, ob sich die Lage im Blick auf Verletzungen der Religionsfreiheit und der Menschenrechte generell verbessert und ob Diskriminierung und Verfolgung gläubiger Menschen abgenommen habe, mussten die Herausgeber der Jahrbücher leider mit einem klaren Nein beantworten.
Die weltweite Lage der Religionsfreiheit müsse 2026 im Vergleich zu den Vorjahren als „schlechter“ bis „anhaltend schlecht“ bewertet werden. Dabei wurde besonders auf die Verschärfungen der Situation in Iran, Pakistan und Ägypten sowie in Staaten wie China und Kuba hingewiesen. Populistische Instrumentalisierungen religiöser Identität oder Narrative zur Einschränkung von Religions- und Weltanschauungsfreiheit seien auf dem Vormarsch. Der Missbrauch des Glaubens als ideologische Waffe und die Legitimierung von Kriegsverbrechen durch Russland sei zudem eine sich verschärfende Besonderheit.

Nicht nur Religionsfreiheit ist bedroht, sondern zunehmend auch der Wille, sie zu verteidigen
Der Präsident des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (IIRF) sowie der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (ISHR), Prof. Dr. Thomas Paul Schirrmacher, skizzierte die aktuelle Lage:
„Die Religionsfreiheit ist weltweit gleich doppelt bedroht: durch diejenigen, die sie mit Füßen treten, und durch diejenigen, die sie aus der internationalen Politik verdrängen. Die Horrormeldungen über religiöse Verfolgung nehmen kein Ende. Selbst Fachleute können kaum noch den Überblick behalten. In Afrika beispielsweise breitet sich das Morden islamistischer Extremisten an Christen, gemäßigten Muslimen und Angehörigen traditioneller Religionen geografisch immer weiter aus.
Doch zur Verfolgung kommt eine zweite, gefährliche Entwicklung: Nicht nur die Religionsfreiheit gerät unter Druck, sondern auch der politische Wille, sie zu verteidigen. Angesichts der Kriege und Bürgerkriege in der Ukraine, in Äthiopien, im Iran, im Nahen Osten und anderswo, angesichts geopolitischer Machtkämpfe und energiepolitischer Abhängigkeiten wird die Religionsfreiheit zunehmend zur Nebensache. Für Regierungen, die religiöse Minderheiten unterdrücken, ist das eine gute Nachricht: Sie müssen immer seltener mit ernsthaften Konsequenzen rechnen.
Dagegen hilft nur eine breite, religionsübergreifende Allianz von Politikern, Parlamentariern, Journalisten, Wissenschaftlern, religiösen Führungspersönlichkeiten und Menschenrechtsorganisationen. Sie braucht eine gemeinsame Grundlage: unabhängig erhobene, sorgfältig überprüfte und belastbare Fakten. Mit unseren Jahrbüchern wollen wir dazu einen konkreten Beitrag leisten. Denn wer die Religionsfreiheit aus der internationalen Politik verdrängt, schafft den Verfolgern neue Freiräume.“
Russland instrumentalisiert den Glauben als Waffe gegen die Ukraine
Der politische Beauftragte der Evangelischen Allianz in Deutschland, Dr. Johann Matthies, stellte fest, dass Religionsfreiheit Klarheit und Fürsprache brauche. Die Einschränkung von Religionsfreiheit sei ein Vorbote für die Einschränkung weiterer Freiheiten. Matthies sagte weiter:
„Wie sehr Glaube unter Beschuss geraten kann, zeigt die Ukraine. Nach Angaben des ukrainischen Außenministeriums wurden im Verlauf des russischen Angriffskriegs mehr als 640 Gotteshäuser beschädigt oder zerstört. Offizielle ukrainische Schätzungen sprechen von mindestens 67 Geistlichen verschiedener Konfessionen, die bis zum Frühjahr 2025 durch russische Streitkräfte getötet wurden. In den besetzten Gebieten werden Gemeinden enteignet. Gottesdienste werden durch Razzien gestört. Geistliche werden verhört und zu langen Haftstrafen verurteilt. Ich habe Pastoren getroffen, die ihre Kirchen verloren haben und heute als Vertriebene im eigenen Land leben.
Besonders verstörend ist, dass Religion hier selbst zur Waffe wird. Die Führung der Russisch-Orthodoxen Kirche deutet den Angriffskrieg als ‚metaphysischen Kampf‘ und stellt den Tod an der Front dem Opfer Christi gleich. Gleichzeitig inszeniert sich Russland im Westen als Verteidiger des Christentums. Diese falsche Erzählung müssen wir beim Namen nennen. Als Evangelische Allianz haben wir im September ein Positionspapier verabschiedet. Darin heißt es: ‚Unser christlicher Glaube zielt nicht auf politische Dominanz, deshalb lehnen wir jeden Versuch ab, Religion für politische Ziele zu missbrauchen.‘ Das gilt zunächst für uns selbst, aber ganz sicher auch für Moskau. Wenn die Russisch-Orthodoxe Kirche zur Durchsetzung staatlicher Ziele im In- und Ausland missbraucht wird, hört sie auf, Kirche der Gläubigen zu sein, und wird zum Instrument der Mächtigen.
Was folgt daraus für Christen in Deutschland? Erstens Klarheit: Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht. Wo sie verletzt wird, widersprechen wir. Zweitens Treue: Wir stehen an der Seite derer, die wegen ihres Glaubens leiden, mit Gebet, praktischer Hilfe und politischer Fürsprache. Drittens Präsenz: Wir wollen nicht erst hörbar werden, wenn wir uns empören. Wir suchen das Gespräch mit Politikerinnen und Politikern über Parteigrenzen hinweg, bevor es einen Konflikt gibt. Die Kirche in der Ukraine zeigt, dass sich Glaube nicht auslöschen lässt. Aus Gemeindehäusern wurden Zufluchtsorte und Hilfszentren, und vertriebene Gemeinden haben sich andernorts neu gegründet. Diese Kirche dient den Menschen, nicht der Macht. Daran sollten wir uns orientieren.“

Den Blick auch auf unsichtbare Formen der Gewalt richten
Die Abgeordnete zum Nationalrat, Vize-Präsidentin der OSZE Parlamentarischen Versammlung und Sprecherin für Menschenrechte der ÖVP, Dr. Gudrun Kugler, erinnerte an die besonderen Formen von Verfolgung, denen Frauen ausgesetzt seien:
„Religionsfreiheit ist ein fundamentales Menschenrecht – und doch wird sie weltweit in einem Ausmaß missachtet, das zu entschlossenem Handeln verpflichtet. Menschen unterschiedlichster Glaubensrichtungen werden aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen diskriminiert, bedroht, verfolgt oder sogar getötet. Diese Realität ist keine Randerscheinung, sie betrifft Millionen von Menschen in allen Regionen der Welt. Tatsache ist: Christen zählen zu den am häufigsten betroffenen Gruppen – ein Befund, der sowohl von kirchlichen Organisationen als auch von unabhängigen Beobachtern bestätigt wird und im öffentlichen Bewusstsein dennoch vielfach unterschätzt bleibt.
Es ist umso wichtiger, die unterschiedlichen Dimensionen von Verfolgung differenziert zu betrachten. Dazu gehört auch die geschlechtsspezifische Dimension. Frauen aus religiösen Minderheiten erleben Verfolgung häufig in einer doppelten oder mehrfachen Weise – sowohl als Frau als auch aufgrund ihres Glaubens. Während Männer häufiger direkter physischer Gewalt ausgesetzt sind, sind Frauen besonders von Zwangsheirat, Entführungen, sexualisierter Gewalt und sozialer Ausgrenzung betroffen. Diese Formen der Gewalt bleiben oft unsichtbar, entfalten jedoch eine tiefgreifende Wirkung auf das Leben der Betroffenen und auf die Stabilität ganzer Gemeinschaften.“
Diskriminierung und Verfolgung in Ägypten und Kuba finden kaum Beachtung
Der Menschenrechtsexperte und Mitherausgeber der Jahrbücher, Martin Lessenthin, verwies in einem schriftlichen Statement besonders auf die Lage in Kuba und Ägypten:
„Die weltweite Lage der Religionsfreiheit verschlechtert sich kontinuierlich. Kriege und politische Spannungen haben eine Situation geschaffen, aus der heraus Unterdrückung, Diskriminierung und Verfolgung von den Tätern leichter versteckt und von den Entscheidungsträgern in den demokratischen Staaten leichter verdrängt werden können. Diese Verdrängung hat das höchstmögliche Niveau erreicht. Als Beispiele möchte ich zwei Staaten nennen, die nicht im Fokus der Medien stehen, Ägypten und Kuba: Die Verletzungen der Religionsfreiheit von Kopten in Ägypten, verbunden mit Polizeiwillkür und rechtsstaatlichem Versagen, werden lediglich ‚registriert‘, die großzügige wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Staat, der Kopten als Menschen zweiter Klasse behandelt, wird ohne Diskussion fortgesetzt. Ägypten wird als verbündeter Staat angesehen, der als Stabilitätspartner gebraucht wird. Mit dem Wissen darüber muss die ägyptische Regierung nichts ändern, die Bekenntnisse zu Religionsfreiheit und Menschenrechten sind Schall und Rauch. Das kann sich nur ändern, wenn über Glaubensgefangene wie den christlichen Aktivisten Patrik Georg Zaki, den Konvertiten Said Abdelrazek, der seit seinem Übertritt zum Christentum im Juli 2025 inhaftiert ist oder den christlichen Wissenschaftler Augustin, der im Januar 2026 zu fünf Jahren Gefängnis wegen ‚Verachtung der Religionen‘ verurteilt wurde, öffentlich berichtet wird.“
Zur Situation in Kuba erläuterte Lessenthin: „Die Verfolgung und Inhaftierung von Pastoren wie Maikel Pupo Velazquez und anderen regimekritischen Christen in Kuba, wird in Europa kaum wahrgenommen. Der kubanische Staat verfolgt bereits die Einladung zu einem gemeinsamen öffentlichen Gebet in einem Sportstadion als ‚Verbrechen‘. Auch der staatliche Terror gegen christlich motivierte Oppositionelle wie Pastor Alexis Padron Lorenzo, den Damen in Weiß, die immer wieder an Kirchenbesuchen gehindert werden, oder den Arzt Dr. Oscar Biscet sind kein Thema für Politik und Medien sowie Kirchenvertreter in Europa und daher nur einer informierten Minderheit bekannt. Die Violent Incident Data Base (VID) verzeichnet für 2025 in Kuba 337 Vorfälle, vor allem durch wiederkehrende kurzfristige Inhaftierungen und administrativen Zwang.“
Die Jahrbücher stehen ab sofort zum kostenfreien Download bereit (https://iirf.global/jahrbuch/) oder können als zum Wendebuch zusammengebundenes Jahrbuch für 16 Euro im Buchhandel erworben werden. Gemeinnützige Organisationen können kostenlose Exemplare zur gezielten Weitergabe an Entscheidungsträger in 10er-Paketen beim Internationalen Institut für Religionsfreiheit bestellen (jahrbuch@vkw.li, Fax: 0228/9650389).

Bibliografische Angaben
- Thomas Schirrmacher, Martin Lessenthin und Martin Warnecke (Hg.). Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen 2026. Studien zur Religionsfreiheit, Bd. 45. Verlag für Kultur und Wissenschaft: Bonn, 2026. ISBN 978-3-86269-344-3. Pb. 291 S. https://iirf.global/?p=7501
- Thomas Schirrmacher, Martin Lessenthin und Martin Warnecke (Hg.). Jahrbuch Religionsfreiheit 2026. Studien zur Religionsfreiheit, Bd. 46. Verlag für Kultur und Wissenschaft: Bonn, 2026. ISBN 978-3-86269-345-0. Pb. 371 S. https://iirf.global/?p=7509
Downloads und Links
- Foto 1: Die Redner der Pressekonferenz vor Ort (von links): Kenan Araz (Vorsitzender des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland), Dr. Johann Matthies (Beauftragter der Evangelischen Allianz in Deutschland), Thomas Rachel MdB (Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit), Prof. Dr. Thomas Paul Schirrmacher (Präsident des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit sowie der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte), Matthias Böhning (Generalsekretär der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte) © IIRF/Martin Warnecke
- Foto 2 und Foto 3: Thomas Rachel MdB, Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit © IIRF/Martin Warnecke
- Foto 4: Dr. Gudrun Kugler (Abgeordnete zum Nationalrat, Vize-Präsidentin der OSZE Parlamentarischen Versammlung und Sprecherin für Menschenrechte der ÖVP) während ihres Online-Statements © IIRF/Martin Warnecke
- Foto 5 und Foto 6: Während der Rede von Kenan Araz (Vorsitzender des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland) © IIRF/Martin Warnecke
- Foto 7 und Foto 8: Prof. Dr. Thomas Paul Schirrmacher (Präsident des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit sowie der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte) während seiner Rede © IIRF/Martin Warnecke
- Foto 9: Während der Fragerunde der Gäste und Journalisten © IIRF/Martin Warnecke